Interview:
Befähigung der Banken durch
moderne Core Banking Systeme

Florian Springer ist Experte für den Themenschwerpunkt „Bankplattform 2.0“ und erläutert im Interview seine Sicht über die aktuelle und zukünftige Situation, sowie Herausforderungen bei einer Bankplattform.

Florian, hinter dem Begriff „Bankplattform 2.0“ lassen sich verschiedenste Themen erahnen. Was verstehst du im Detail darunter?

Florian: Unter der Bankplattform verstehen wir bei Senacor den Verbund an IT-Systemen in einer Bank, der für die End-to-End-Leistungserbringung erforderlich ist, d.h. von der Kundenschnittstelle über das Middle-/Back-Office bis hin zur Gesamtbanksteuerung. Das Suffix „2.0“ ist lediglich ein Kunstbegriff der auf eine „neue“ und „zukunftsfähige“ Generation von Bankplattformen hinweisen soll.

Das heißt in deinen Augen sind die Plattformen in den Banken nicht zukunftsfähig?

Florian: Das lässt sich pauschal nicht sagen. Aber nach unserer Erfahrung sind die wenigsten Kunden mit Ihrer Bankplattform zufrieden, sondern kämpfen oder arrangieren sich mit sowohl fachlichen als auch technischen Herausforderungen und fortwährend steigenden IT-Kosten in Change und Run. Insbesondere das Kernbanksystem macht den Banken zu schaffen. Das liegt zum einen daran, dass es in den meisten Instituten seit 20 Jahren oder länger im Einsatz ist, es in dieser Zeit als Entwicklungsumgebung missbraucht wurde und dadurch nahezu unkontrolliert um Funktionalitäten erweitert wurde, die dort fachlich eigentlich nicht hingehört. Dadurch hat sich das Kernbanksystem zu einem Monolithen entwickelt, der sich wie ein Krebsgeschwür in der gesamten Bankplattform verbreitet hat und damit zur Innovationsbremse und zum Kosten- und Risikofaktor geworden ist. In Konsequenz müssen häufig auch Kleinstanpassungen in fachlich unabhängigen Teilbereichen durch den starren und langwierigen Releaseprozess laufen, so dass eine Anpassung die in wenigen Tagen umgesetzt werden könnte erst nach Monaten produktiv ist und dabei unnötigen Overhead und Kosten verursacht. Dennoch scheuen sich die meisten IT–Verantwortlichen eine grundlegende, strukturelle Erneuerung vorzunehmen, getreu dem Motto – „Wichtiges Thema – aber für meinen Nachfolger“

Das heißt durch den Austausch des Legacy-Kernbanksystems durch ein modernes ist der Weg frei für Innovationen und Einsparungen?

Florian: Wenn man den Hochglanzbroschüren der jeweiligen Hersteller glaubt, so sollte es so sein – Aber die Welt ist hier nicht so einfach und die versprechen der jeweiligen Produkthersteller können so nicht eingehalten werden. Da sich das Kernbanksystem wie das genannte Krebsgeschwür in der IT-Landschaft in nahezu alle Bereiche der Bank ausgebreitet hat, ist der Austausch zumeist hoch komplex, erstreckt sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren und ist nicht frei von Risiken. Während dieser Zeit sind entscheidende Ressourcen gebunden, was ebenso Innovationen hemmt. Aus diesem Grund empfehlen wir unseren Kunden eine schrittweise Transformation unter klarer und Kosten/Nutzen-Priorisierung, die Freiraum für Innovationen und Maßnahmen die Geld bringen lässt. Denn die aktuelle Marktsituation lässt es nicht zu, dass sich ein Institut über einen längeren Zeitraum mit sich selbst beschäftigt und Innovationsthemen die zur Aufrechterhaltung oder dem Ausbau des Geschäfts dienen hinten anstellt. Um am Markt weiterhin erfolgreich zu sein oder überleben zu können müssen beide Themen gleichzeitig angegangen werden.

Welche Innovationsthemen siehst du aktuell und in näherer Zukunft, die einen strukturellen Umbau der IT-Landschaft erfordern?

Florian: Prinzipiell sollten Maßnahmen oder Innovationen mittel- oder langfristig darauf einzahlen die Kosten zu senken oder Erträge zu generieren. Die Hebel hierfür klingen einfach und logisch, stellen die Institute aber zumeist vor enorme Herausforderungen in der Umsetzung. Einen Beitrag zur Senkung der Prozesskosten in den Fachbereichen leisten beispielsweise Automatisierung, gezielte Prozessoptimierungen oder die Auslagerung von (Teil-)prozessen an spezialisierte Dienstleister. Eine Erhöhung der Erträge kann u.a. durch die fokussierte Erweiterung des Geschäftsfeldes durch neue Produkte und Dienstleistungen sowie die Bereitstellung eigener Produkte (White Labeling) oder Leistungen an Dritte (Gesamt– oder Teilprozesse) erreicht werden. All diese Punkte fordern der Bankplattform aber auch der Organisation ein hohes Maß an Flexibilität, Agilität und Integrationsfähigkeit ab um Anforderungen der eigenen Organisation aber insbesondere Dritter, für die Leistungen erbracht werden, zu erfüllen. Letzteres erfordert neben einer vollumfänglichen Mandantenfähigkeit eine nahtlose technische Integration, um effizient Leistungen für diese erbringen zu können. Ohne eine geeignete Bankplattform wird das schwierig.

Wie sieht in deinen Augen die Bankplattform der Zukunft, sprich eine Bankplattform 2.0 aus?

Florian: Das kommt ganz auf die Bank an. In meinen Augen muss eine zukunftsfähige Bankplattform in jedem Fall die zuvor genannten Aspekte Flexibilität, Agilität und Integrationsfähigkeit erfüllen. Die Erfahrung zeigt, dass in den wenigsten Fällen eine „1-Produkt-Lösung“ passend ist, sondern eher ein „Best-of-Breed“-Ansatz aus marktgängigen Produkten in Kombination mit gezielten Eigenentwicklungen zum Erfolg führt. Wir beschäftigen uns bei Senacor seit Jahren damit, welche Anforderungen eine Bankplattform – abhängig vom Geschäftsmodell des Instituts erfüllen muss – und wie sich diese zusammensetzt. Hierfür haben wir ein Set an Blueprints erarbeitet, die für den Kunden adaptiert werden können. Das ist vergleichbar mit der Maßkonfektion bei Anzügen – kostengünstig aber sitzt trotzdem perfekt.

Die Herausforderungen bei solch umfassenden Veränderungen in der Landschaft sind groß. Welche Herausforderungen siehst du als die Schwergewichtigsten an?

Florian: Die größte Herausforderung ist in meinen Augen die Organisation selbst, die sich häufig aufgrund der Eigeninteressen und Veränderungsresistenz von Fachbereichen und Mitarbeitern selbst im Weg steht. Und ohne die Mitarbeiter die proaktiv von der ersten Idee, über die klare Anforderungsdefinition bis zur Umsetzung und dem GoLive am Projekt in einem Team aus internen und externen Kollegen mitarbeiten, wird es schwierig. Das löst man auch nicht mit Post-ITs und Agile Coaches. Dies erfordert ein durchdachtes Changemanagement in allen Bereichen, dass alle Hierarchieebenen mitnehmen muss. Aber das ist ein eigenes, komplexes Thema.

Ansonsten ist die Basis für eine erfolgreiche business-getriebene IT-Transformation ein klares fachliches Ziel oder eine strategische Richtungsentscheidung, die festlegt, wo es hingehen soll. Basierend darauf entwickeln wir zusammen mit unseren Kunden einen nutzenfokussierten und für die Organisation leistbaren, mehrstufigen Transformationsplan. Dem vorausgehend steht die Erhebung des Ist-Zustands und die Ableitung des Zielbildes – fachlich und technisch. Wichtig ist, dass Sponsoren der jeweiligen Fachbereiche ein klares Committment zum Zielbild und dem Weg dorthin abgeben. Ansonsten wird es schwierig ohne Rückendeckung den Plan durchzuhalten. Architektonische oder technologischen Aspekte bei der Umsetzung haben uns noch nie vor wirkliche Herausforderungen gestellt. In einigen Fällen stellt die unzureichende Dokumentation, insbesondere von (Legacy-)Systemen, wo in der Organisation kaum mehr Wissen vorherrscht eine kleine Herausforderung dar, aber auch hierfür haben wir Experten. Ansonsten sind es die üblichen Themen, wie die häufig großen Gräben zwischen Business und IT die aus dem Demand-Supply Split der Vergangenheit resultieren. Aber am Ende haben wir allerdings bisher jedes Projekt erfolgreich geliefert, da wir auf einen umfassenden Erfahrungsschatz, erprobte Best Practices sowie ein exzellentes Senacor-Team zurückgreifen können, das gemeinsam mit dem Kunden jede Hürde meistert.

Eine abschließende Frage, was war bislang deine spannendste und vielleicht sogar die herausforderndste Aufgabe in diesem Kontext?

Florian: Ganz klar, die erste Transformation einer Bankplattform, die die Abspaltung wesentlicher Teile der Organisation und der IT beinhaltet hat inkl. einem großangelegten IT-Outsourcing. Das war vor über 10 Jahren. Nach einer Vielzahl an Projekten in diesem Umfeld ist Routine eingekehrt. Herausforderungen suche ich lieber abseits von Projekten.

Ansprechpartner

Dr. Florian
Springer

Partner

Nürnberg

Experte für Bankplattform 2.0 und Business-IT-Transformationen